Unser wunderschönes Grundgesetz ist eine Aufforderung zur direkten Mitwirkung
Im Gespräch mit Werner Hoyer
27.05.2026 Meldung FDP/KSG-Fraktion im Rat der Stadt Köln

Dr. Werner Hoyer, 1951 in Wuppertal geboren, studierte an der Kölner Universität Volkswirtschaftslehre. Dort promovierte und arbeitete er anschließend. Hier in Köln begann auch seine politische Karriere. Zuerst bei den Jungen Liberalen, später engagierte er sich in der FDP auf Kreis-, Landes- und Bundesebene. 1987 wurde er erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt, dem er 25 Jahre lang angehörte. Er war u.a. Parlamentarischer Geschäftsführer, Generalsekretär der Bundespartei und stellvertretender Fraktionsvorsitzender.
Er war Kreisvorsitzender der FDP Köln, anschließend übernahm er den Vorsitz des FDP-Bezirksverbandes Köln, den er bis Ende 2011 führte. Von 1994 bis 1998 und von 2009 bis 2011 war er Staatsminister im Auswärtigen Amt, wo die Europapolitik neben der klassischen Außen- und Sicherheitspolitik sein zentrales Betätigungsfeld war. Von 2000 bis 2005 war er zudem Präsident der Europäischen Liberaldemokratischen Partei (ELDR). 2012 wurde er v on den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union zum Präsidenten der Europäischen Investitionsbank (EIB) in Luxemburg ernannt. Das Mandat endete 2023.
Herr Hoyer, im vergangenen Jahr haben sich viele Menschen, die Sie persönlich kennen, große Sorgen um Sie gemacht. Wie geht es Ihnen heute?
Zunächst einmal möchte ich mich herzlich bedanken für den Zuspruch und die Ermutigung, die ich in dieser Zeit erfahren habe, gerade auch hier von meinen Kölner Freundinnen und Freunden. Es geht mir sehr viel besser. Nach sieben Operationen und zehn Monaten in Kliniken, davon die Hälfte im Koma, bin ich wieder fit, nur in der Mobilität noch etwas eingeschränkt. Aber das wird sich mit der Zeit auch wieder verbessern, mit viel Training und Sport und einer von mir sehr dankbar angenommenen Physiotherapie und Pflege. Also, es geht aufwärts. Ich habe zweimal ganz tief nach unten geguckt und mich dann entschlossen, den Kampf aufzunehmen.
Die Politik hat sich in kurzer Zeit fundamental verändert. Sowohl weltweit, als auch in Brüssel, in Berlin und in Köln. Was muss uns aus Ihrer Sicht derzeit die größte Sorge machen?
Auf allen diesen Ebenen gibt es größten Anlass zur Sorge. Das hat etwas zu tun mit der Entwicklung und Stabilität der Demokratie in unserem Lande, auch in Deutschland auch in Köln, auch in unserem unmittelbaren Umfeld. Es gibt Entwicklungen, die hätte man sich vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten nicht vorstellen können. Insbesondere, was die Wahrnehmung unserer rechtsstaatlichen Demokratie angeht. Und das macht mir am meisten Sorgen, weil ich glaube, dass erschreckend Viele, die nachvollziehbar unzufrieden sind mit dem, was sie in der Politik heute erleben, sich von diesem politischen System bereits verabschiedet haben. Viel wichtiger wäre es allerdings, die Bürgerinnen und Bürger würden sich selber engagieren. Denn unsere Demokratie schreit nach Mitwirkung des Einzelnen, nach der Bereitschaft des Einzelnen, selber Verantwortung zu übernehmen. Wir sind in einer Negativspirale und reden die Dinge oft noch schlimmer, als sie ohnehin schon sind. Dabei haben wir enorme Potenziale, sowohl intellektuell, als auch was die menschliche Dimension angeht. Das habe ich ja selber erst wieder durch meine Krankheit erfahren.
Während Ihrer Berliner Zeit waren Sie auch wesentlich für die deutsche Außenpolitik mitverantwortlich. Wie sehen Sie das aktuelle deutsche Verhältnis zu den Vereinigten Staaten?
Da muss ich jetzt leider etwas ausholen, weil viele Leserinnen und Leser nicht wissen werden, dass meine politische Sozialisation in den Vereinigten Staaten begonnen hat. Die FDP war erst die zweite Partei, in der ich mich engagiert habe. Ich war Jahre davor schon aktiv für die demokratische Partei in den Vereinigten Staaten, als ich dort als Schüler, Student und Arbeitnehmer unterwegs war.
Das transatlantische Verhältnis, bei dem wir Deutschen den Amerikanern sehr, sehr viel zu verdanken haben, hat in den letzten Jahren mehr gelitten als je zuvor. Das, was die Amerikaner uns nahe- und beigebracht haben, nämlich den Respekt vor Demokratie, Rechtsstaat und Übernahme von Verantwortung, das sehen wir jetzt in den Vereinigten Staaten massiv verletzt. Wir sehen, was das Verhältnis zu den Grundprinzipien der liberalen Rechtsstaatlichkeit angeht, gegenwärtig einen Präsidenten, der unamerikanischer ist als jeder seiner Vorgänger.
Hat das jetzt zutiefst zerrüttete Verhältnis mit den US A auf absehbare Zeit überhaupt eine Chance wieder zur „Deutsch-Amerikanischen Freundschaft“ zurückzufinden? Oder haben sich auch unsere Gesellschaftssysteme zwischenzeitlich zu weit voneinander entfernt?
Nein, das glaube ich nicht. Natürlich sind in den Vereinigten Staaten die Strukturen andere, als wir sie hier in Europa oder in Deutschland kennen. Auf der anderen Seite, haben sich in den letzten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg enorm viele Beziehungen auf der persönlichen, auch auf der privaten, auch auf der beruflichen Ebene entwickelt. Deswegen würde ich strikt trennen zwischen der Freundschaft zwischen diesen Völkern und dem, was auf der politischen Ebene gegenwärtig abgeht. Ich bin nach wie vor optimistisch. Dieses Verhältnis muss allerdings auch gepflegt werden. Deshalb kann man auch nur empfehlen, die amerikanischen Freundinnen und Freunde, die gegenwärtig sehr unter den Vorgängen in Washington leiden müssen, zu unterstützen, den Kontakt zu ihnen zu halten und sie auch zu ermutigen.
Der Krieg in der Ukraine wütet mittlerweile im fünften Jahr. Ohne die Unterstützung aus Europa und den USA hätte das Land nicht so lange erfolgreich Widerstand gegen die russische Invasion leisten können. Wie sehen Sie das Engagement der Europäischen Union?
Das Engagement der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten ist erheblich. Natürlich, wenn es um die großen militärischen Potenziale geht, müssen wir die Amerikaner und die NATO immer mitdenken, aber der große Teil der Unterstützung für die Ukraine kommt aus Europa. Und das alles wäre wahrscheinlich ohne Aussicht auf einen Beitrag zum Erfolg, wenn die Ukrainer nicht selber eine so unglaubliche Widerstandsfähigkeit hätten. Diese Resilienz, ich habe sie zuletzt vor zweieinhalb Jahren erlebt, als ich in der Ukraine war und Präsident Selensky besuchen durfte. Aber ich habe auch mit den Menschen auf der Straße gesprochen, die natürlich enorm betroffen sind von dem, was in ihren eigenen Familien und Freundeskreisen abgeht, was dort an Toten und Verwundeten zu beklagen ist. Die auf der anderen Seite aber auch nie den Glauben daran verloren haben, dass sie diesen Widerstand leisten müssen und können. Das ist bewundernswert.
Kann die EU bzw. die NATO ohne die USA eine ausreichende Unterstützung leisten?
Wir haben den größten Teil der Lasten bisher schon getragen und wir werden das auch weiterhin tun. Wir müssen es eher noch mehr verstärken. Trotzdem ist der Beitrag der Amerikaner sehr wertvoll, vor allem auch politisch. Aber es geht ja nicht darum, einen Verteidigungsfall nach Artikel 5 des NATO-Vertrages auszurufen – davon sind wir ja Gott sei Dank weit entfernt – sondern es geht darum, die politischen und militärischen Potenziale der Vereinigten Staaten zu nutzen.
Ich kann nur hoffen, dass Präsident Trump von seinem Irrweg abgeht, der glaubt, das Zusammenschießen des Irans sei seine Sache und die Unterstützung der Ukraine sei unsere Sache. Das wäre eine Aufgabenverteilung, die wir uns innerhalb unserer westlichen Gemeinschaft nicht leisten können. Ich bin sicher, dass eines Tages die Mehrheiten im amerikanischen Kongress so sein werden, dass dieses amerikanisch-europäische Verhältnis wieder ins Lot gebracht werden kann.
Von der großen Welt ins beschauliche Deutschland: Der organisierte Liberalismus hierzulande steckt in einer großen Krise. Wird die FDP falsch verstanden oder sind wir nicht mehr richtig aufgestellt?
Unabhängig davon, dass ich der Letzte wäre, der bestreiten würde, dass die FDP auch große Fehler gemacht hat, gerade auch in der Art und Weise, wie sie die Ampelkoalition beendet hat. Es ist jetzt offenkundiger denn je, wie wichtig die liberale Stimme in Deutschland war und ist, und wie sehr sie auch in Zukunft gebraucht wird. Das heißt aber, wir müssen uns fern halten von Spiegelstrich-Diskussionen über Parteiprogramme und hin orientieren zu einer Diskussion über das, worauf es im Wesentlichen ankommt: Was sind die Kernbotschaften des Liberalismus? Was die Kernwerte, für die Liberale streiten – in der Sache, aber auch in der Form? Und deswegen kann ich immer nur wieder daran erinnern, dass diese Republik basiert auf dem Verständnis, dass die Bürgerinnen und Bürger selber beitragen müssen zu einem Staat, der die Wahrnehmung der Verteidigung von Freiheit, Recht und Verantwortung einfordert. Wobei man das alles nicht zu eng sehen darf: Freiheit ist nicht das egomanische Ausleben von individuellen Freiheitsgelüsten, sondern es ist die Berücksichtigung der Freiheit des Anderen, wenn ich meine eigenen Freiheitsrechte in Anspruch nehme. Deshalb muss man das immer in einem gesellschaftlichen Kontext sehen.
Unser wunderschönes Grundgesetz ist keine Einladung in die Hängematte – daneben stehen, zugucken und allenfalls ablästern – sondern eine Aufforderung zur direkten Mitwirkung. Aber auch da bin ich optimistisch und hochmotiviert von dem Engagement und Ideenreichtum vieler junger Menschen hier bei uns in Köln.
Wenn Sie drei Wünsche frei hätten?
Ich wünsche mir, dass meine Kinder und ihre Freundinnen und Freunde ihr ganzes Leben in einem freien, friedlichen und rechtsstaatlichen Land leben können. Ich wünsche mir, dass wir endlich die großen Potenziale nutzen, die unser Land hat, auch im Hinblick auf Fortschritt und Innovation. Und drittens, dass wir das in einem gesellschaftlichen Konsens schaffen, der darauf bedacht ist, den Nachbarn mitzunehmen.
Haben Sie einen Lieblingsort in Köln?
Diese Frage erfordert jetzt etwas mehr Platz zur Beantwortung. Ich bin politisch korrekt genug um zu wissen, dass ich jetzt zuerst den Kölner Dom erwähnen muss, unsere phantastische Museenlandschaft und vieles andere auch. Aber das würde man mir dann doch als etwas zu gestelzt vorwerfen, deshalb will ich mal einen zweiten Versuch machen: Köln ist unheimlich lebenswert, vor allem, wie man hier miteinander umgeht, aber auch, wie und wo man sich trifft. Also eine Meeting-Kultur, bis hin zum kölschen Brauhaus, das ist einzigartig und das schätze ich außerordentlich. Und drittens … das behalte ich für mich [lacht] .
Herzlichen Dank für das Gespräch.
[Das Gespräch führte Stephan Wieneritsch.]
[Dieser Beitrag erschien zuerst in KölnLiberal]







