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27.04.2002

FDP-Fraktion im Rat der Stadt Köln

Wolf zum Empfang für ehemalige Zwangsarbeiter

Rede von Bürgermeister Manfred Wolf anlässlich des Empfangs für Gäste im Rahmen des Besuchsprogramms ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Historischen Rathaus

Es gilt das gesprochene Wort.


Sehr geehrte Damen und Herren,
als Bürgermeister der Stadt Köln heiße ich Sie, stellvertretend für Oberbürgermeister Fritz Schramma, der heute leider verhindert ist, herzlich in unserer Stadt willkommen.

Sie alle verbinden mit unserer Stadt: Schmerz und Leid, Pein und Angst und zum Teil Todesangst. Als Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter haben Sie während der menschenverachtenden NS-Diktatur in Köln die Unmenschlichkeit dieses Systems erlebt und erlitten.
Unbestritten ist: Es gibt keine Entschuldigung für das, was Ihnen widerfahren ist.
Unbestritten ist aber auch: Nichts davon darf in Vergessenheit geraten. Vergessen ist nicht der richtige Weg zu neuem, zu einem friedlichen Miteinander.
Unser Bundespräsident Johannes Rau hat einmal gesagt: "Es gibt keine Zukunft, wenn wir die Vergangenheit vergessen." So schmerzlich diese Vergangenheit auch sein mag, möchte ich anfügen.

Zwar ist über Zwangsarbeit in den letzten Jahren so viel wie nie zuvor berichtet worden. Doch noch immer wissen die Menschen in Deutschland und hier in Köln zu wenig über das, was Ihnen, meine Damen und Herren, konkret widerfahren ist:
Sie waren getrennt von Ihrer Familie und dazu bestimmt, in einem feindlichen Land unter unwürdigen Bedingungen für die Kriegsführung eines fremden, feindlichen Staates zu arbeiten.
Sie haben unmenschliche Behandlung bei der Arbeit erlebt und in den Lagern Hunger, Seuchen, Isolation und Gewalt.
Einiges davon haben wir schon aus Ihren Briefen erfahren: Sie waren eingesetzt in der Rüstungsproduktion, etwa bei Klöckner-Humboldt-Deutz oder in der Maschinenfabrik Schmidding.
Und es gibt andere, die dafür sorgen mussten, dass die Gleise befahrbar blieben, damit auch noch die letzten Aufgebote an die Front kamen, wieder Andere von Ihnen arbeiteten bei Bauern.
Unter Ihnen ist auch eine Frau, die von der Kölner Gestapo verhaftet und im ELDE-Haus eingesperrt wurde.

Meine Damen und Herren,
ich bitte Sie, im Namen der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, um Ihre Mithilfe. Wir möchten wissen, wie die Lebens- und Arbeitsbedingungen damals für Sie waren, welche besonderen Erinnerungen Sie an Köln haben, wo sich die Lager befanden und wie man Ihnen hier in der Stadt begegnet ist.
Ihre Kenntnisse und Ihre Erinnerungen sind für uns und für die Nachwelt von großer Bedeutung. Deshalb bitte ich Sie, uns diese Einzelheiten zu berichten, obwohl ich weiß, wie schmerzhaft das für Sie sein muss.

In der Stunde der Erinnerung dürfen wir aber auch diejenigen nicht vergessen, die das NS-Regime nicht überlebt haben. Viele sind willkürlich wegen Belanglosigkeiten verfolgt oder ermordet worden, andere wegen ihres Widerstandes.
Die erschütternden Inschriften in den Zellen des ehemaligen Gestapo-Gefängnisses geben in vielen Sprachen Zeugnis von diesem Leiden, aber auch vom Widerstandswillen der dort Eingekerkerten.
Viele sind - ohne den Schutz von Bunkern - Opfer der Bomben geworden, wieder andere - entkräftet und unterernährt - an Epidemien in den Lagern gestorben, manche - ausgebeutet und todkrank - z.B. im Todeslager im Gremberger Wäldchen brutal ermordet worden.
Das Schreckenssystem der Gestapo kannte keine Grenzen: Es war unmenschlich und brutal.

Liebe Gäste,
Sie sind die 16. Besuchergruppe ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die wir in unserer Stadt begrüßen können.
Das Besuchsprogramm hat sich in den vergangenen Jahren bewährt und ist sogar für viele andere Städte zu einem Vorbild für ähnliche Programme geworden.
Gewiß, solche Besuchsprogramme können natürlich keine Entschädigung sein für das Leid, das Ihnen und anderen zugefügt wurde. Aber es ist eine Geste, die deutlich macht: Wir haben Sie nicht vergessen, Ihr Schicksal ist uns eine Mahnung.

Wir haben in in den letzten Jahren sehr positive und interessante Erfahrungen in der persönlichen Begegnung mit den ehemaligen „Kölner“ Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern gemacht. Deshalb hat der Rat der Stadt Köln im Herbst 2000 beschlossen, das Besuchsprogramm um fünf weitere Jahre zu verlängern.
Und gleichzeitig ist im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln ein größeres Forschungsprojekt in Gang gesetzt worden. Dort werden die vielen, in den letzten Jahren gewonnenen Erkenntnisse, zu einer Gesamtdarstellung zusammengefügt. Und diese Erkenntnisse verdanken wir nicht zuletzt Ihnen, unseren Gästen.

Aber auch im Bereich der humanitären Hilfe und der Entschädigung hat die Stadt Köln deutliche Zeichen gesetzt. Als zur Diskussion stand, dass auch kommunale Betriebe einen Beitrag in den Stiftungsfonds von Bundesregierung und deutscher Wirtschaft einzahlen sollen, hat die Stadt Köln einen ungewöhnlichen Weg beschritten.
Es wurden Mittel bereitgestellt, die als sogenannte Zustiftung deklariert wurden. Das bedeutet, die Gelder werden nicht in den 5 Milliarden Euro des Stiftungsfonds der Wirtschaft aufgehen, sondern sie werden zusätzlich zur Verfügung stehen.

Aber lassen Sie mich noch ein weiteres Projekt erwähnen, das den Überlebenden von Zwangsarbeit unmittelbar dient.
Wir haben im NS-Dokumentationszentrum eine Stelle geschaffen, die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern bei der Recherche hilft, die notwendig ist, um Entschädigungszahlungen aus dem Stiftungsfonds zu erhalten. Denn Sie müssen ja Ihre Zeiten in der Zwangsarbeit glaubhaft machen.

Ich hoffe, Sie werden bei Ihrem Aufenthalt in Köln feststellen:
Es hat sich ein grundlegender Wandel in diesem Land vollzogen. Dieser Wandel betrifft nicht nur den Wiederaufbau unserer Stadt, sondern auch die Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass Sie trotz der Kürze Ihres Besuches spüren werden, dass sich dieses Land auch politisch verändert hat.

Sie stehen am Anfang einer ereignis- und, wie ich glaube, auch erlebnisreichen Woche.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie neben den schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit auch einiges erleben werden von den Schönheiten und dem kulturellen Reichtum dieser Stadt. Und Sie sollten nicht nur die Stadt, sondern auch die Menschen dieser Stadt erleben und kennenlernen. Dies gilt natürlich besonders für Ihre Begegnung mit jungen Menschen.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen und interessanten Aufenthalt in unserer Stadt.

Vielen Dank.

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