"Der totale Karneval"
„…oder so“ – die Kolumne von Maren Friedlaender
05.09.2015 Meldung FDP-Kreisverband Köln

Nein, ich schreibe nichts über das Wahldesaster. Ich spüre gerade ernst zu nehmende Anzeichen eines Lokalpolitik-Burn-outs. Doch, sowas gibt’s! Deshalb was Literarisches:
Heinrich Böll schrieb eine Erzählung mit dem Titel „Nicht nur zur Weihnachtszeit“. Darin geht es um Tante Milla, die sich nach dem Weihnachtsfest im Jahr 1947 nicht von ihrem Christbaum trennen will. Als man ihn abschmückt und aus dem Haus trägt, hört sie nicht auf zu schreien. Der hinzugezogene Arzt weiß auch keinen Rat. Onkel Franz, Gatte von Tante Milla, findet die Lösung. Die Verwandtschaft muss sich nun täglich, auch im Hochsommer, festlich angezogen versammeln, um Heiligabend zu feiern, mit allem Gedöns: Christbaum, Spekulatius, Weihnachtsliedern und dem Weihnachtsengel, der von der Höhe der Baumspitze „Frieden, Frieden…“ flüstert.
Tatsächlich blüht Tante Milla sichtlich auf. Bei der restlichen Familie zeigen sich hingegen ernstliche Verfallserscheinungen: Die einen bekommen Tobsuchtsanfälle und Spekulatiusaversion, andere erleichtern sich durch Fremdgehen, Teile der Familie wandern aus ins äquatoriale Afrika, wieder andere fallen vom Katholizismus ab und laufen zum Kommunismus über. So nimmt die Zersetzung dieser gutbürgerlichen Familie ihren Lauf. Den Rest lesen sie selbst.
Warum ich das erzähle? Letztes Wochenende wurde unter dem Motto „Jeck im Sunnesching“ in etwa hundert Kölner Kneipen karnevalistisch gefeiert. In der Severinstraße schunkelten am warmen Sommerabend Clowns, Affen und Matrosen herum, laut Karnevalslieder grölend. Ein Umzug hatte sich formiert und betrunkene Ringelhemden torkelten durch die Straßen. Ach würde doch nur Heinrich Böll, Sohn und Ehrenbürger der Stadt, noch leben. Er fände hier Stoff für eine wunderbare neue Geschichte.
Von wegen: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“ Jetzt täglich Humbatätärä, ähnlich wie bei Tante Milla. Da haben wir sie nun, die von Kabarettist Jürgen Becker angekündigte totale Verhöhnerung von Köln mit ersten Zersetzungserscheinungen, zumindest in Politik und Verwaltung. Anders kann man sich gewisse Vorgänge in der Stadt nicht erklären:
Erst das Theater um die Stimmauszählung in Rodenkirchen, gegen die sich die SPD so lange wehrte, bis ein Gericht die Neuauszählung anordnete. Rücktritt des SPD-Stadtdirektors Kahlen, als Wahlleiter. Die Partei schunkelt weiter. Jetzt die Wahlzettelmanipulation unter der neuen Wahlleiterin Agnes Klein, ebenfalls SPD.
OB-Kandidat Jochen Ott, SPD, verspricht auf seinen Wahlplakaten: „Ich setze gute Ideen um.“ Ob die Sache mit der Schriftvergrößerung so eine war? Nun jammert er: „Ich bin stinksauer.“ Über wen? Seinen Parteivorsitzenden? Upps, das ist er ja selbst.
Der SPD-Fraktionschef postet gut gelaunt bei Facebook, O-Ton Börschel: „Vorschlag zur Güte: die Stadt druckt für den 13.9. schnell neue Stimmzettel. Größere Schrift für alle, dann kann sich niemand benachteiligt fühlen…Jochen Ott auf Platz 1 findet man ja eh relativ leicht. Smiley.“ Merkt er eigentlich gar nicht, wie seine Partei die Demokratie mit Füßen tritt?
Nun Neuwahlen! Unter einer Mio. Euro wohl nicht zu haben. Der SPD egal. Watt fott es, es fott! Weiter schunkeln! Und wenn die Wahlen erst im nächsten Jahr kommen? Umso besser, frohlocken die Genossen. Dann ist Karneval, alles vergeben und vergessen. Und jetzt die ganze SPD, alle mal unterhaken und dann singe mer: „Echte Fründe ston zesamme“ – oder so…
Oh, habe ich jetzt doch noch was zur Wahl geschrieben?





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