Stadterneuerung durch Gentrifizierung – in Köln?
Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
13.12.2012 Meldung Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Über den Begriff Gentrifizierung, der landläufig-polemisch die soziale Verdrängung von Mietern durch ökonomische Aufwertung von Wohnquartieren meint, wurde an dem kommunalpolitischen Abend in Köln nicht lange debattiert. Ulli Hellweg, Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung Hamburg, Prof. Christa Reicher, Raumplanungsexpertin von der TU Dortmund, sowie die beiden Kölner Vertreter Bau-Dezernent Franz-Josef Höing und FDP-Ratsfraktionsvorsitzender Ralph Sterck waren sich einig: Stadtteilerneuerung als Gesamtanstrengung zur Erhöhung von Lebens-, Wohn- und Arbeitsqualität - gerade im Wettbewerb mit anderen Kommunen - ist eine höchst ambitionierte Planungs- und Kommunikationsleistung, bei der es die besonderen Bedingungen vor Ort zu berücksichtigen gilt.
In Hamburg, legte IBA-Chef Uli Hellweg in einem Impulsreferat eingangs dar, ist man von der früher gängigen „Gott Vater“-Planung allwissender Stadtplaner abgerückt und hat bei den grundlegenden Stadtentwicklungsmaßnahmen in den Stadtteilen Wilhelmsburg, Veddel und Harburg frühzeitig die Bevölkerung, die gesellschaftlichen Gruppen und die Betriebe einbezogen. Nach seiner Auffassung sei in Metropolen wie Hamburg Suburbanisierung keine Lösung mehr. Es gehe vielmehr um den Umbau von Metrozonen, die langfristig dann Wachstumschancen für die Stadt eröffneten.
Hellweg hob auf folgende fünf Elemente des im Kern ganzheitlich und partizipativ ausgerichteten IBA-Konzeptes, das im nächsten Jahr seine Vollendung erleben wird, ab: a) Entwicklung der inneren Peripherie (Metrozonen) durch behutsamen Umbau, b) Stärkung der Zivilgesellschaft in den Umbaugebieten durch geschickte Beteiligungsformen, c) Sicherung des Bestandes für jetzige Bewohner, d) Schaffung einer kultursensiblen, bildungsorientierten Infrastruktur, e) Monitoring und planungsrechtliche Instrumente (etwa durch eigenen Wohnungsbestand).
Aus wissenschaftlicher Sicht erörterte Prof. Reicher die Herausforderungen in der Stadteilerneuerung und unterstrich die Notwendigkeit ganzheitlichen und integrierten Denkens. Sie gab aussagekräftige Beispiele aktueller sozialer Stadtentwicklung (etwa die „Verdorfung“ von Quartieren oder das Verhältnis von Restaurierung und moderner Architektur). Am markantesten war das an der Stadtlandschaft Ruhrgebiet demonstrierte „soziale und ethnische Mosaik“, in dem sich die Anteile von Zuwanderern, ALG II-Beziehern und Jugendlichen und Älteren widerspiegelten. Auch Frau Prof. Reicher kam zu dem Fazit, dass Stadtteilerneuerung immer mehrere Disziplinen tangiere und Gentrifizierung vor dem Hintergrund der Geschwindigkeit von Veränderung und dem Grad der Verdrängung zu beurteilen sei.
Baudezernent Höing gab in der von dem ehemaligen Düsseldorfer Beigeordneten Wilfried Kruse versiert moderierten Diskussion zu bedenken, dass Hamburg sich in einer günstigen Phase, nämlich Mitte des letzten Jahrzehnts, entschlossen hat, die IBA ins Leben zu rufen. Auch Köln stehe vor der behutsamen Erneuerung von Stadtteilen, könne sich aber nicht in ähnlichen finanziellen Dimensionen wie Hamburg betätigen, obwohl der – unverzichtbare – kommunalpolitische Konsens in der Domstadt vorläge.
Den demonstrierte der FDP-Ratsfraktions-Vorsitzende Ralph Sterck an der Genese der bisherigen Stadtentwicklungsdebatten in Köln. Er gab auch ein schönes Beispiel, wie Stadtteilerneuerung im Kleinen ergänzt um den „demografischen Faktor“ aussehen kann. Für den Stadtteil Junkersdorf habe man eine Grundschule vorgeschlagen, die bei geschicktem Umbau perspektivisch in ein Altenheim umgewandelt werden kann. Leider habe das Projekt keine Mehrheit im Rat gefunden.
Diskussionen um Stadtteilerneuerung – so das Fazit – müssen in Zukunft zielstrebiger, ganzheitlicher und partizipativer geführt werden, damit sie den Ertrag – Aufwertung problematischer, wenn nicht gar abgehängter Viertel – zum Wohle aller erbringen können. Erst dann gelingt es, in einer Stadt bzw. den betreffenden Stadteilen eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, die Missstände beseitigt, Wohn- und Lebenslagen verbessert und vor allem im Zusammenwirken von öffentlich-rechtlichen und privaten Investitionen konstruktive Wege geht. Wie in Hamburg!





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